Von Harald Damskis, Vorsitzender FA Sicherheit und Seniorenvertreter Stadtbezirk Sendling-Westpark
Ein plötzlicher Stromausfall, ein schweres Unwetter oder andere Krisenlagen – vieles, was früher unwahrscheinlich erschien, ist heute realistischer geworden. Extreme Wetterereignisse, technische Störungen oder auch neue sicherheitspolitische Risiken rücken näher an unseren Alltag heran.
Die gute Nachricht: Die Stadt München ist nicht unvorbereitet. Hinter den Kulissen wird intensiv geplant, koordiniert und geübt. Doch ebenso wichtig ist, dass auch wir als Bürgerinnen und Bürger vorsorgen. Gerade für ältere Menschen kann eine gute Vorbereitung entscheidend sein, denn wer nicht mehr so mobil ist und Unterstützung braucht, spürt Notlagen oft sehr viel stärker.
Der folgende Beitrag zeigt, wie München aufgestellt ist, was Sie selbst tun können und wo noch Verbesserungen notwendig sind.
Wie München für den Ernstfall vorsorgt
Die Landeshauptstadt München hat in den vergangenen Jahren ein umfassendes System aufgebaut, um auf Katastrophen und größere Notlagen reagieren zu können. Dabei verteilt sich die Verantwortung auf mehrere Schultern innerhalb der Stadtverwaltung.
Eine zentrale Rolle spielt das Kreisverwaltungsreferat. Hier werden viele Maßnahmen koordiniert. Die Branddirektion übernimmt die operative Planung. Zusätzlich gibt es eine eigene Fachabteilung für Bevölkerungsschutz und Krisenmanagement. Dort werden Risiken analysiert, Lagebilder erstellt und Maßnahmen vorbereitet, um für den Ernstfall gewappnet zu sein.
Kommt es tatsächlich zu einer Krise, arbeiten zahlreiche Organisationen eng zusammen. Die Berufsfeuerwehr mit ihren zehn Wachen ist rund um die Uhr einsatzbereit. Unterstützt wird sie von der Freiwilligen Feuerwehr an über 20 Standorten. Hinzu kommen Rettungsdienste und große Hilfsorganisationen wie das Bayerische Rote Kreuz, der Arbeiter-Samariter-Bund, die Johanniter Unfallhilfe, der Malteser Hilfsdienst und die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft.
Bei länger andauernden Lagen – etwa während einer Pandemie oder bei großflächigen Evakuierungen – werden zusätzliche Kräfte eingebunden. Dazu zählen ehrenamtliche Betreuungsdienste der Hilfs-organisationen. Ohne diese Unterstützung wäre eine Bewältigung über viele Stunden oder Tage hin-weg kaum möglich. Bei Bedarf helfen auch überregionale Kräfte wie das Technische Hilfswerk, die Bundespolizei oder die Bundeswehr.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist der Schutz der sogenannten kritischen Infrastruktur, kurz KRI-TIS. Dazu gehören Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Energie- und Wasserversorger, Verkehrsbetriebe und die Telekommunikation. Diese Einrichtungen sind gesetzlich verpflichtet, besondere Sicherheitsmaßnahmen zu treffen. Die Stadtwerke München haben beispielsweise spezielle Konzepte entwickelt, um wichtige Knotenpunkte im Stromnetz abzusichern.
Auch die Warnung der Bevölkerung wurde deutlich verbessert. München setzt auf mehrere Kanäle gleichzeitig: Warn-Apps, Cell Broadcast, Radio und Fernsehen, digitale Informationstafeln, soziale Netzwerke sowie Internetseiten. Im Notfall können auch Lautsprecherwagen der Feuerwehr eingesetzt werden.
Ein zukunftsweisendes Konzept sind die sogenannten „KAT-Leuchttürme“. Dabei handelt es sich um mobile oder feste Anlaufstellen in den Stadtbezirken. Sie verfügen über Notstrom und unabhängige Kommunikationsmittel. Bürgerinnen und Bürger können dort Informationen erhalten, Notrufe absetzen oder kurzfristige Hilfe bekommen. In besonderen Situationen kümmert man sich auch um vorübergehende Notunterkünfte.
Was wir selbst tun sollten
So gut die staatlichen Strukturen auch sind – im Ernstfall kann Hilfe nicht überall gleichzeitig sein. Deshalb ist die eigene Vorsorge von großer Bedeutung. Und diese beginnt oft mit einfachen, gut umsetzbaren Maßnahmen.
Ein zentraler Punkt ist ein ausreichender Vorrat an Lebensmitteln und Trinkwasser. Fachleute empfehlen, sich für etwa zehn Tage selbst versorgen zu können. Pro Person sollten rund zwei Liter Wasser am Tag eingeplant werden. Dazu kommen haltbare Lebensmittel wie Konserven, Nudeln, Reis oder Zwieback. Wichtig ist, die Vorräte regelmäßig zu überprüfen und rechtzeitig zu ersetzen. Auch ein Camping-Kocher für eine warme Mahlzeit ist sehr hilfreich. Manche Lebensmittel sind nur gekocht genießbar.
Der Münchner Bevölkerungsschutz empfiehlt mindestens einen Notvorrat für drei Tage und stellt dazu eine praktische Check-liste zur Verfügung.
Auch eine einfache Notfallausrüstung kann im Ernstfall entscheidend sein. Dazu gehören Taschenlampen, Ersatzbatterien, Kerzen und warme Decken. Eine geladene Powerbank hilft, das Mobiltelefon weiterhin nutzen zu können, wenn der Strom ausfällt.
Besonders wichtig ist die Informationsversorgung. Ein batteriebetriebenes oder kurbelbares Radio funktioniert auch dann, wenn Internet und Mobilfunk ausfallen.
Zusätzlich sollten Warn-Apps auf dem Smartphone installiert sein. Die App NINA (Notfall-Informations- und Nachrichten-App) informiert zuverlässig über Gefahrenlagen – von Unwettern bis hin zu größeren Schadensereignissen. Inzwischen nutzt auch die Polizei diese App für wichtige Warnmeldungen, beispielsweise bei Bombendrohungen oder zur Warnung vor gefährlichen Straftätern.
Ebenso sinnvoll ist eine Liste wichtiger Telefonnummern auf Papier. Denn im Notfall ist das Smartphone nicht immer verfügbar oder geladen.
Für den Fall, dass die Wohnung schnell verlassen werden muss, empfiehlt sich ein vorbereiteter Notrucksack für jedes Familienmitglied. Darin gehören Kleidung, Regenschutz, persönliche Medikamente sowie etwas Bargeld. Wichtige Dokumente sollten in einer wasser- und feuerfesten Mappe griffbereit sein.
Hilfreich ist es außerdem, sich vorab Gedanken zu machen: Wo kann ich im Notfall Schutz finden? In München können Keller, Tiefgaragen oder U-Bahn-Stationen zu wichtigen Rückzugsorten werden.
Und nicht zuletzt spielt die Nachbarschaft eine große Rolle. Wer sich kennt und gegenseitig unterstützt, ist im Ernstfall deutlich besser aufgestellt. Ein kurzes Gespräch im Vorfeld kann später viel Sicherheit geben.
Was für Ältere besonders wichtig ist
Ältere Menschen gehören im Katastrophenschutz zu den besonders gefährdeten Gruppen. Das liegt nicht nur an möglichen gesundheitlichen Einschränkungen, sondern oft auch an sozialen und technischen Faktoren.
Ein ausreichender Vorrat an Medikamenten ist besonders wichtig – idealerweise für etwa zehn Tage. Ebenso sollte ein aktueller Medikamentenplan vorhanden sein, der im Notfall schnell zur Hand ist. Hilfsmittel wie Brillen, Hörgeräte oder Gehhilfen sollten jederzeit griffbereit sein. Für Geräte mit Batterien oder Akkus empfiehlt sich ein entsprechender Vorrat.
Ein oft unterschätzter Punkt ist die Dokumentation. Ein Notfallausweis mit Angaben zu Krankheiten, Allergien und Kontaktpersonen kann im Ernstfall sehr hilfreich sein. Zusätzlich ist es sinnvoll, diese Informationen auch im Smartphone zu hinterlegen, auf die dann Ersthelfer selbst zugreifen können, wenn man nicht bei Bewusstsein ist.
Wenn eine Evakuierung notwendig wird, sollte ein vorbereitetes Notgepäck bereitstehen. Ebenso wichtig ist eine realistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten: Kann ich Treppen steigen? Wie schnell erreiche ich einen sicheren Ort? Es kann sinnvoll sein, solche Situationen einmal gedanklich oder praktisch durchzugehen.
Vielleicht noch wichtiger ist ein funktionierendes soziales Netzwerk. Nachbarn, Freunde oder Angehörige können im Ernstfall unterstützen – aber natürlich nur dann, wenn man sich vorher abgesprochen hat.
Auch die seelische Belastung sollte nicht unterschätzt werden. Krisensituationen können verunsichern. Gespräche mit vertrauten Menschen, feste Tagesstrukturen und ein bewusster Umgang mit Nachrichten helfen, Ruhe zu bewahren.
Wo es noch hakt – und was getan werden muss
Trotz aller Fortschritte gibt es weiterhin Herausforderungen. Ein häufig diskutiertes Thema sind Schutzräume. In München existieren zwar noch öffentliche Bunker mit einer theoretischen Kapazität von über 16.000 Plätzen. Allerdings sind diese Anlagen für moderne Gefahrenlagen nicht mehr einsatzbereit. Zudem gelten große zentrale Bunker heute nicht mehr als ideale Lösung. Die Vorwarnzeiten sind oft zu kurz, und solche Orte könnten im Ernstfall selbst zu Zielpunkten werden. Stattdessen setzt man zunehmend auf dezentrale Lösungen: private Keller, Tiefgaragen oder stabile öffentliche Einrichtungen wie U-Bahn-Stationen.
In diesem Zusammenhang gewinnen die „KAT-Leuchttürme“ an Bedeutung. Allerdings ist bisher nicht klar, wo sich diese Anlaufstellen genau befinden. Während einige kleinere Gemeinden im Münchner Umland ihre Standorte bereits veröffentlicht haben, ist man in München noch in der Planungsphase. Trotz der ungleich schwierigeren Ausgangslage bleibt zu hoffen, dass rechtzeitig vor einem nächsten Schadensfall die konkreten Standorte betriebsfähig sind und rechtzeitig bekanntgegeben werden können.
Auch die Sicherheit der Infrastruktur bleibt ein sensibles Thema. Der Brandanschlag im Münchner Osten im Jahr 2021 auf eine Baustelle mit freiliegenden Stromkabeln führte dazu, dass zeitweise rund 20.000 Haushalte in Ramersdorf, Berg am Laim und Haidhausen ohne Strom waren. Solche Ereignisse zeigen, wie verwundbar technische Systeme sein können. Ein vollständiger Schutz vor Stromausfällen ist kaum möglich – gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen. Umso wichtiger ist es, vorbereitet zu sein. Andere Städte gehen hier mit gutem Beispiel voran. In Nürnberg wurde bei der Übung „Black Noris 2026“ ein großflächiger Stromausfall realistisch durchgespielt – sogar ein Krankenhaus war zeitweise komplett ohne Strom. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen nun in konkrete Planungen ein. Solche Übungen könnten auch in München sinnvoll sein.
Auf Landesebene gibt es ebenfalls Nachholbedarf. Zwar wurde bereits 2023 das „Konzept Katastrophenschutz Bayern 2025“ vorgestellt, doch vieles ist bislang nur teilweise umgesetzt. Kommunen berichten über Personalmangel, unzureichende finanzielle Unterstützung und fehlende digitale Vernetzung. Immerhin wurde 2026 ein neues Landesamt für Bevölkerungsschutz, das sog. Bayerische Melde- und Lagezentrum Bevölkerungsschutz im Bayerischen Staatsministerium des Innern eingerichtet. Helfen würde auch eine Stärkung des Ehrenamts im Rettungsdienst und Katastrophenschutz, indem ehrenamtliche Einsatzkräfte z.B. für die Teilnahme an Aus- und Fortbildungen einen gesetzlichen Freistellungs- und Entgeltfortzahlungsanspruch erhielten.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Warninfrastruktur. Viele Fachleute fordern einen flächendeckenden Ausbau von Sirenen. Gerade für ältere Menschen, die nicht ständig digitale Medien nutzen, wäre dies ein wichtiger Baustein. Der Seniorenbeirat der Landeshauptstadt München setzt sich für das „Recht auf analoges Leben“ ein. Das schließt ein, dass in einem Katastrophenfall wichtige Informationen und Warnungen auch Menschen ohne Smartphone erreichen. Ein weiterer Vorteil ist der Weckeffekt, besonders wichtig zur Nachtzeit, wenn die Menschen schlafen. Ein Antrag an die Stadt München für Alarmsirenen in der Stadt als Ergänzung des bestehenden Warnsystems ist gestellt. Der Seniorenbeirat forderte auf seiner Sitzung vom 17. Juni 2026, das Münchener Warnsystem „durch ein flächendeckendes Netz von Alarmsirenen“ zu ergänzen
Fazit: Vorbereitung gibt Sicherheit und Ruhe
Krisen lassen sich nicht immer verhindern. Aber wir können lernen, besser mit ihnen umzugehen. München ist auf einem sehr guten Weg und hat viele wichtige Strukturen aufgebaut, um seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Doch entscheidend ist das Zusammenspiel: eine gut vorbereitete Stadt – und Menschen, die wissen, was zu tun ist.
Gerade für ältere Menschen gilt: Es sind die einfachen Dinge, die im Ernstfall den Unterschied machen: ein kleiner Vorrat, ein gepackter Notrucksack, ein gutes Netzwerk aus Nachbarn und Familie. Wer vorsorgt, gewinnt vor allem eines: Sicherheit und außerdem das beruhigende Gefühl, auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
